1/16/2011

Weltreise Etappe 5 - finally: Die wahre Geschichte der Geisha von Mineko Iwasaki

Letztes Wochenende, gut zwei Wochen zu spät habe ich nun endlich doch noch meine Weltreisen-Challenge, die Natira vor einem guten halben Jahr ins Leben rief, beendet. Erst mal, Danke, liebe Natira, für diese schöne Challenge!
Meine Reise führte mich von Deutschland (Jacques Berndorf - Ein guter Mann) über England (Elizabeth Aston - Mr. Darcy's Daughters) nach Amerika  (Sylvia Plath - Die Tagebücher und Nicole Seifert - Von Tagebüchern und Trugbildern; Abschnitt Sylvia Plath). Dann, unplanmäßig, ging es direkt nach Ägypten (Tanja Kinkel - Säulen der Ewigkeit), weil meine Japan-Etappe (eben Die wahre Geschichte der Geisha) in der Post verloren ging.


Das konnte ich aber nun nachholen - und ich würde fast sagen, dass mich dieses Buch von den fünfen am meisten gefesselt und mitgerissen hat.
Jacques Berndorf hatte mir auch sehr gefallen, aber die Kultur der Geishas zieht mich eigentlich immer in den Bann und ich kann nicht genug davon kriegen. Auf das Buch bin ich übrigens durch Taytom aufmerksam geworden, die mir von dieser Gegendarstellung Mineko Iwasakis erst erzählt hat - Danke, Taytom!


So wie ich es verstanden habe, hat Mineko Iwasaki dieses Buch in erster Linie geschrieben, weil sie mit dem Werk von Arthur Golden, der sie während seiner Recherche für "Die Geisha" interviewt hat, nicht zufrieden war und sie die Aussagen korrigieren wollte, den Menschen zeigen wollte, wie es wirklich in Gion Kobu und den anderen Hanamachis zugeht. Ich kann es ja gleich vorab zugeben: ich werde wohl "Die Geisha" von Arthur Golden ebenfalls nocheinmal lesen müssen (so wie es mir Sylvia Plaths Tagebüchern ja auch geht), da ich nun wissen will, inwieweit er da dichterischer Freiheit erlegen ist. Ich nehme aber an, Mineko Iwasaki ging es vor allem um Goldens Vorwurf oder vielmehr seine verzerrte Darstellung der Fakten bzgl. Schicklichkeit und käuflicher Liebe im "Reich der Blumen und Weiden".

Nun zum Buch selbst: Mineko Iwasaki beschreibt ihr Leben von den jüngsten Kindertagen, von den ersten Erinnerungen an und sehr detailliert und genau. Sie hat ein unglaublich gutes Gedächtnis für Kleinigkeiten, sie kann ihre Kimonos sehr genau beschreiben und weiss noch unglaublich viele Einzelheiten aus ihren jungen Jahren. Mit fünf Jahren traf sie eigenständig die Entscheidung, in die Okiya zu gehen, da sie dem Glauben verfallen war, so - und nur so - ihre Familie retten zu können. Ihr magisches Denken wird sie sich lange Jahre erhalten - sie wächst nun in einer Okiya als Atotori auf, was bedeutet, dass sie auf der einen Seite natürlich besonders folgsam sein muss, auf der anderen aber auch eine der wichtigsten Personen im Haushalt ist. Entsprechend ist sie zwar brav und gehorsam, aber auch recht verzogen. Sie ist schrecklich einsam, sehr sehr fleissig und - wie sollte es in so einer Position anders sein: sehr altklug und besserwisserisch. Sie ist so ehrgeizig und auch weltfremd, dass ich an manchen Stellen dachte, dass sie fast autistische Züge aufweist. Aber das relativiert sich je älter sie wird und ich nehme an, dass es v.a. mit ihrer strengen Erziehung und ihrem eigentlich recht introvertierten Charakter zusammenhängt.
Das Buch ist wirklich mitreissend geschrieben - man liest staunend und interessiert immer weiter und muss sich zwingen, das Licht abends auszumachen - das war oft nicht so leicht.

Die Geisha-Kultur, so faszinierend sie auch ist, ist im Wandel begriffen, was Mineko Iwasaki am Ende auch erkennt, bevor sie sich zur Ruhe setzt. Sie war - nach Aussage dieses Buches - einer der größten Stars in Gion - und wenn man liest, dass sie 365 Tage im Jahr arbeitet, Unmengen von Trinkgeld bekommt, dass sie den ganzen Abend ausgebucht ist und in ihrer Laufbahn nicht einen Tag terminlos zu Hause in der Okiya gesessen hat - dann kann man nicht anders, als von dieser tüchtigen Geschäftsfrau beeindruckt zu sein. Wenn man hört, dass sie zu den Ozashikis, für die sie gebucht wurde, oft nur für 3 - 5 Minuten erschien (um dann aber trotzdem eine volle Stunde zu berechnen), fragt man sich, wie so ein System so gut funktionieren kann - über so einen langen Zeitraum.

Um ehrlich zu sein: ich kann mir immer noch nicht genau vorstellen, was den Reiz der Gesellschaft einer Geisha ausmacht - auch wenn ich jetzt dank dieses Buches weiss, dass Geishas Männer _und_ Frauen unterhalten, dass das Ganze mit Prostitution typischerweise gar nichts zu tun hat sondern wirklich reine Unterhaltung in Form von Konversation, Tanz, Musik und Teezeromonie darstellt. Aber wie kann ich mir erklären, dass Männer bereit sind, so furchtbar viel Geld für 3 Minuten mit einer Geisha zu bezahlen? Wie kann ein solches Unterhaltungssystem solche Formen annehmen, dass ganze Industriezweige (wie die Kimono-Industrie) davon wachsen und gedeihen konnten?

Diese kulturelle Entwicklung finde ich hochspannend. Alleine, wie viele Menschen z.B. in Gion durch die Geishas Arbeit hatten: die Ankleider, die Teehäuser, die Caterer für die Ozashikis, diejenigen, die den Sake richtig temperierten (das ist nämlich auch wieder von Gast zu Gast unterschiedlich) etc. etc.
Die strengen Regeln, die sich diese Subgruppe auferlegt hat, liessen mich während der Lektüre immer wieder den Kopf schütteln. Wie hart sie zu sich selber sind... Andererseits haben sie auch viel Spass - trotz der sicherlich unvermeidlichen Zickereien zwischen diesen ganzen Frauen.
Es war ein grosser Spass, dieses Buch zu lesen - und ich glaube, viel näher komme ich dem Erfassen dieser Kultur nicht - da ich nicht annehme, dass ich selber mal den Luxus einer Ozashiki geniessen werde. Zumal diese Kultur allmählich abstirbt und immer weniger authentisch ist.
Von allen Büchern, die ich bisher über Geishas gelesen habe (Dalby, Golden und noch eins, dessen Namen ich gerade nicht im Kopf habe) ist dieses mit Abstand das informativste. Teilweise etwas verwirrend wegen der vielen Zeitsprünge, aber absolut informativ, sogar mit Fotos und genauen Beschreibungen der Kimonos, der Schminke und der Regeln.

Ich kann das Buch nur empfehlen und habe eben, während ich noch ein paar Fachwörter recherchiert habe (um hier keinen Unsinn zu schreiben), noch einen interessanten Link ("Hanamachi") mit Grundinformationen gefunden, falls jemand Lust auf mehr bekommen hat (und da ja heute die Bücherläden zu haben ;) ):

Eins kann ich auf jeden Fall sagen: Japan wird auf meiner realen Reiseliste bleiben - und wer weiss, vielleicht erhasche ich dann ja einen Blick auf eine  Geisha - ich habe gehört, dass man manchmal Glück haben kann, wenn sie in Tokyo eingeladen sind :)

5 comments:

  1. Liebe Sayuri,danke für diese mitreissende Buchbesprechung!

    Ich selbst bin ja damals an "Memoiren einer Geisha" gescheitert, da ich in dieses Buch überhaupt nicht "hineinkam". Obwohl interessiert, habe ich danach lange nicht mehr mit Japan lesetechnisch zu tun gehabt, bis Du mir "Naokos Lächeln" empfohlen hast :) Möglicherweise werde ich zukünftig auch noch einen weiteren Anlauf mehr in Richtung Japan-Sachbuch unternehmen...

    ReplyDelete
  2. @Natira:
    wie schön, dass Du es als mitreissend empfunden hast - ich konnte mich auch kaum bremsen, wie man vllt. beim Lesen merkt ;)

    Die Memoiren einer Geisha kenne ich selber nicht, aber ich glaube, das Buch wird auch recht zwiespältig beurteilt. Ich habe das Gefühl, dass die meisten von Geishas geschriebenen Bücher für uns etwas schwer zugänglich sind, weil sie in einer Form schreiben, die den Leser oft vergisst - so ging es mir in diesem Buch auch manchmal. Vieles ist für diese Frauen ganz selbstverständlich - so dass sie gar nicht daran denken, dass andere dieses System einfach nicht kennen und es nicht einfach so verstehen können.

    Ach, Naokos Lächeln ist so wundervoll...

    Mir hat die "Gebrauchsanweisung für Japan" sehr gefallen - das ist eine schöne Einführung in das Land... bei Bedarf... Du weisst schon ;)

    ReplyDelete
  3. Mit Deinen Überlegungen zu den "Voraussetzungen" hast Du sicher Recht! Wenn man, so wie ich vor -oh je mehr als 10! - Jahren sozusagen blauäugig ein Buch wie "Kiharu-Memoiren einer Geisha" aus Neugierde zu lesen beginnt, ohne die geringsten Vorkenntnisse der japanischen Kultur zu haben, ist das schon irgendwie verrückt. Und wenn dann der Autor voraussetzt, dass der Leser bestimmte kulturelle Eigenarten und Verhaltensweisen kennt...das ist schon schwierig ;)

    ReplyDelete
  4. Hm, ich weiss nicht, ich sehe es eigentlich nicht so, dass man wahnsinnig viel mitbringen sollte, wenn man sich für das Thema interessiert - im Gegenteil, dass sollte vielmehr durch den Autor aufgefangen werden. So sollte das auch gar nicht klingen - ich glaube nur, dass deshalb auch so viele Missverständnisse z.B. um die Geishas entstanden sind...

    ReplyDelete
  5. Das sehe ich auch so, dass der Autor das eigentlich mitbringen sollte: durch das Setting, die Charaktere, den Plot. Wenn er das aber nicht tut und man hat noch keine Ahnung von der kulturtypischen Verhältnissen - dann ist die Lektüre natürlich nicht unmöglich, aber doch schwieriger bzw. herausfordernder - je nachdem, wieviel der Autor und der Leser beisteuern können.

    ReplyDelete