9/14/2010

Zwischenstand zur Weltreisen-Challenge: Die Tagebücher von Sylvia Plath



"Juli 1950. Vielleicht werde ich nie glücklich sein, aber heute abend bin ich zufrieden. Nichts als ein leeres Haus, warme, dunstige Müdigkeit, nachdem man einen Tag lang in der Sonne Erdbeerschößlinge gepflanzt hat, nach einem Glas süßer, kühler Milch und einem Teller Heidelbeeren, die in Sahne schwimmen. Jetzt verstehe ich, wie man ohne Bücher leben kann, ohne College. Wenn man am Ende des Tages so müde ist, braucht man Schlaf, und bei Tagesanbruch sind wieder Erdbeerschößlinge zu pflanzen, und so geht es weiter, erdnah. Wenn mir das nicht reichte, käme ich mir idiotisch vor. ..."

Momentan lese ich im Zuge der Weltreisen-Challenge im Re-Read die Tagebücher von Sylvia Plath.
Mit diesem Abschnitt beginnt meine Reise durch Sylvia Plaths Leben, welche mich durch einige Höhen und viele, viele Tiefen führen wird.

Zu Sylvia Plath und mir ist zu sagen, dass ich sie vor ca. 10 Jahren für mich entdeckt habe und absolut fasziniert war - von ihrer Leidenschaft, von ihrem unglaublichen Ehrgeiz, von der Wortgewaltigkeit ihrer Werke. Ich muss allerdings zugeben, dass ich die Tagebücher nicht im Original gelesen habe - das traue ich mir einfach nicht zu, da mich schon die Gedichte oft genug überfordern.

Sylvia Plath war ein düsterer Mensch, sie war eine Frau, die sich selbst stets angezweifelt hat, die selbst ihr größter Kritiker war. Sie war leidenschaftlich, impulsiv, unglaublich spitzzüngig und ironisch. Sicherlich hatte sie auch leicht narzisstische Züge an sich und war vermutlich nicht unbedingt eine angenehme Zeitgenossin.

Ein besonderer Reiz an dieser Etappe meiner Weltreise ist für mich, dass ich parallel oder im Anschluss (genau weiss ich noch nicht, wie ich es machen werde) in dem Buch von Nicole Seifert "Von Tagebüchern und Trugbildern" den Abschnitt betreffend Sylvia Plath lesen werde - um zu versuchen, einen sachlicheren Eindruck zu gewinnen. Zum einen schreibt Sylvia Plath naturgemäß subjektiv über ihr Leben und ihre Gefühle und will sich evtl. auch positiver darstellen als sie ist. Auf der anderen Seite allerdings sind ihre Aufzeichungen auch stark verkürzt und zensiert wiedergegeben - in dem mir vorliegenden Buch ist nur etwa ein 1/3 ihrer gesamten Aufzeichnungen enthalten.
Ich erhoffe mir also ein klareres Bild nach dieser Etappe und bin ausserdem gespannt, wie Sylvia Plath jetzt, 10 Jahre nachdem ich sie entdeckt habe, auf mich wirken wird.

3 comments:

  1. "Vielleicht werde ich nie glücklich sein, aber heute abend bin ich zufrieden."

    Ich bin gerade sehr fasziniert davon, wie ich auf diesen Anfang reagiere. Lustigerweise ist meine erste Regung bei einem solchen Text Ungeduld. Ungeduld mit der Person, die so über sich und ihre Gefühle schreibt - vermutlich, weil ich zuviel von mir darin erkenne. Und Zufriedenheit ist meiner Meinung nach viel schwerer zu erlangen als ein Glücksgefühl ...

    Ich werde auf jeden Fall voller Spannung jeden Schritt dieser Etappe von dir verfolgen und auf ein Fazit von dir warten. Vor allem bin ich neugierig, ob dein Eindruck von damals erhalten bleibt oder ob du ganz neu über Sylvia Plath denken wirst ... :)

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  2. Liebe Winterkatze,
    dass finde ich ja schön, dass Du mit Spannung dabei bist - wenn das so ist, werde ich wohl öfter mal ein Zitat bringen, welches mich besonders bewegt. Denn auch wenn ich erst auf Seite 53 bin, waren da schon einige Sätze, die mich berührten.
    1950 war Sylvia Plath 18 Jahre alt - ich kann mich lebhaft erinnern, dass auch ich in dem Alter eine absolute Gefühlschaotin war. Und auch heute, in schlimmen Phasen, könntest Du ähnlich dramatisches und selbstmitleidiges auch von mir lesen. Aber es ist schon so: ungeduldig und manchmal auch mitleidig liest man diese Tagebücher einer Frau, die sich selbst stets sehr im Weg gestanden hat.
    Was das Glücklichsein angeht: ich bin darüber auch gestolpert, bin aber dann zu dem Schluss gekommen, dass sie wohl das Bild des glücklichen Menschen meint mit "glücklich sein". Ich finde auch, dass Zufriedenheit ein viel erstrebenswerterer Zustand ist als "Glücklichsein", da letzteres ja eigentlich gar nicht permanent sein kann....

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  3. Liebe Sayuri,

    ich würde mich über weitere Zitate freuen, aber nur, wenn dir das nicht zuviel Arbeit macht. Du sollst schließlich deine Zeit Zuhause auch genießen! :)

    Achtzehn Jahre - ohje, ich weiß, warum ich fast alle meine Niederschriften aus dieser Zeit vernichtet habe. Gefühlschaos, himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt ... und viel hat sich daran auch bei mir nicht geändert. Aber gerade deshalb gehe ich ja manchmal so kritisch mit Menschen solchen um. Aber die Altersangabe relativiert diesen Ausschnitt schon wieder etwas ... Sehr spannend!

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