6/26/2010

Schreibprojekt: Donna schreibt - Juni 2010

Dieses Mal bin ich hoffentlich pünktlich mit der Veröffentlichung ;)
Ich selber werde zu der Zeit in Zürich sein und hoffe also, dass Blogspot meinen Zeitplan wie programmiert einhält. Da ich nicht im Lande bin, werde ich auch erst Sonntag erst spät nach Hause kommen - werde also erst Anfang der Woche zum lesen und kommentieren bei den anderen Teilnehmern kommen - sorry schon mal vorab...

Und hier jetzt die Juni-Geschichte, (die deutlich kürzer ist als die im Mai ;) ), initiiert von Donna (gelb und fett markiert ist der erste, vorgegebene Satz für die Geschichte):
 
Von Leidenschaft zu sprechen, war vielleicht nicht angemessen…
Es war, übertrieben, sicher. Aber anderseits... Sie war so wunderschön.
Vorsichtig legte er seine Hand auf das Bild. Sie war perfekt.  Diese sanften Linien, das ausdrucksstarke Gesicht. In einem kurzen Tagtraum sah er vor sich, wie sie ihn nach einem wie üblich öden Arbeitstag von der Arbeit abholte. Sie würde dort stehen, geduldig wartend, mit blitzenden, strahlenden Augen...
Die vielen Urlaube, die sie gemeinsam machen würden: Italien, Spanien, Großbritannien – vielleicht, irgendwann, wenn das Geld reichte, die Weite des amerikanischen Kontinents?
Sie würden gemeinsam neue Länder und Menschen erleben, neue Wege erkunden und am besten nie mehr zurückkehren. Einfach aussteigen – nur sie beide.

Das Klingeln seines Telefons riss ihn aus seinen Gedanken. Hastig, beinahe ertappt, schob er das Bild unter einen Aktenstapel und nahm den Hörer ab. Es war sein Chef. Wie jedes Mal war er arrogant, blasiert, von oben herab. Anton beantwortete ein paar Fragen, machte sich ein paar Notizen und legte nach genau vierzig Sekunden wieder auf.

Behutsam zog er unter dem Stapel Steuerbescheide von Mü bis Mu die Aufnahme wieder hervor. Ob er es jemals wagen, ob er es jemals schaffen würde? Mit ihr an seiner Seite würde er sich trauen, alles hinzuwerfen, alles hinter sich zu lassen...
Ein Blick auf die Uhr über der Tür verriet ihm, dass es Zeit für den Feierabend war und so packte er schnell Zeitung, Brotdose und Thermoskanne ein und schob das Bild zum Schluss noch vorsichtig in das Dokumentenfach der Aktentasche.

Dann verließ er sein Büro und ging zügig zu Haltestelle. Er kam rechtzeitig dort an um den gerade eingefahrenen Zug einzusteigen. Er fand einen freien Platz gegenüber einer Skaterin, die das ganze Gesicht voller Piercings hatte und grübelte weiter. Es war an der Zeit, weiterzugehen. Nicht immer nur von weitem zu bewundern sondern mehr zu wagen, aufs Ganze zu gehen.
Ein Problem würde natürlich Petra darstellen, seine Frau. Sie hatte seine Leidenschaft sowieso  nie verstanden, sie nie ernst genommen. Aber Anton hatte schon so lange zurückgesteckt. Petra hatte sich alle exotischen Wünsche erfüllt, alles ausgelebt. Nein, dieses Mal, dieses eine Mal, würde auch er endlich bekommen, was er wollte. Ein ganzer Mann sein.

Völlig in seinen Gedanken versunken, bemerkte Anton, dass er schon zu Hause war, und sprang im letzten Moment aus der Straßenbahn, bevor die Türen aufgeregt piepend hinter ihm schlossen. Er eilte die Treppen hoch, ans Tageslicht und ging mit schnellen, energischen Schritten nach Hause. Kaum hatte er die Tür aufgeschlossen, rief er schon nach seiner Frau. „Petra! Ich habe mich entschieden. Ich werde sie mir holen. Die Corvette Baujahr ’67, die ich in der Zeitung von Sonntag entdeckt habe.“

4 comments:

  1. :)

    Ich gebe zu, daß ich nach den ersten Sätzen geahnt habe, daß es sich nicht um eine Frau handelt, sondern vermutlich um ein Motorrad, ein Boot oder ein Auto. Allerdings kann das daher kommen, daß wir kurz über die Geschichte - wenn auch nicht über den Inhalt - gesprochen hatten.

    Ich mag die Geschichte, habe als Leser aber noch zwei Fragen an Dich:

    Die gepiercte Skaterin, die Du im Nebensatz erwähnst ... Ich hatte gedacht, Anton würde in irgendeiner Weise auf sie reagieren oder mit ihr sprechen, weil Du sie erwähnst. Hat(te) die Skaterin eine Funktion?

    Du erzählst kurz vor Ende, daß Anton "die Treppen hoch, ans Tageslicht..." und nach Hause eilte ... Für mich liest sich der Satz so, als wäre "ans Tageslicht" von Bedeutung, so als wäre Anton nicht einfach von einer dunklen Haltestation nach oben gegangen. Ich habe überlegt, ob Anton seelisch/emotional aus dem Dunkel ins Helle geht, z.B., indem das "ans Licht kommen" ihn in seiner Entscheidung bestärkt. War das von Dir so gemeint; es wurde für mich nicht klar?

    Ich frage mich - das ist das interessante an Kurzgeschichten -, ob Anton Petra demnächst doch mitnehmen wird in der Corvette nach Italien etc. :D

    Lg Natira

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  2. Nein, ein Auseinanderpflücken verdient deine Geschichte nicht, ist sie doch für mich stimmig und gelungen. Leerstellen dürfen sein, müssen sein, jeder darf sie individuell füllen... "Wie ist die eine oder andere Aussage gemeint?" - das ist für mich keine Frage - der Reiz guter Geschichten besteht für mich darin, dass sie etwas mit mir machen und ich nicht alles vorgegekaut bekomme.

    Also, Sayuri, bitte schreib weiter so und hoffentlich werde ich noch viele weitere Storys von dir lesen!

    Herzliche Grüße in den Sonntag hinein - Donna

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  3. Liebe Sayuri und auch liebe Donna :)

    Mein erster Kommentar ist in der Tat etwas unglücklich formuliert. Denn ich habe die Geschichte wirklich genossen und ohne das vorherige Telefonat mit Dir, Sayuri, hätte auch der Anfang der Geschichte auf mich ganz anders gewirkt.

    Das Hin- und Herüberlegen, soll ich.. soll ich nicht, das Träumerische ... warum soll ich immer zurückstecken ...: All das Zwiespältige konnte ich wunderbar nachvollziehen und ich mag das die "Extras" (Auflegen nach genau 40 Sekunden,von Mü bis Mu,"Ein ganzer Mann sein")!

    Die Fragen ... Nun, ich nutze einfach die Gelegenheit, die Autorin zu fragen. Danke für Deine Mail, liebe Sayuri :)

    Und gerade mein letzter Satz war auch nicht als Frage an Dich, Sayuri, gedacht, sondern an mich ... Das ist das Interessante an Kurzgeschichten, daß man sie weiterspinnen kann. Das war in der Tat mißverständlich :)

    Liebe Grüße und auch ich hoffe auf mehr Geschichten.

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  4. liebe natira,
    wir kennen uns gut und lange genug, dass ich weiss, wie dinge gemeint sind, die vielleicht anders ankommen ;)
    von daher - alles in ordnung :)
    ich habe bewusst ein paar stellen sehr offen - evtl. etwas zu offen gelassen - zum einen, weil die leser nicht durch eine so lange geschichte wie die letzte aus dem mai abschrecken wollte (allerdings hat das offenbar nicht funktioniert ...) ausserdem mag ich persönlich sehr gerne geschichten, in denen ich zwischen den zeilen lesen muss und mir meine eigenen gedanken zu den bildern, situationen machen muss.

    ich freue mich, dass ich deinen geschmack mit der geschichte doch irgendwie getroffen habe, natira!
    ich denke im nachhinein hätte ich das mit der skaterin deutlicher machen können bzw. sollen. das tageslicht, auf das er zustrebt ist wirklich so gedacht, wie du es aufgefasst hast. die skaterin hätte anton an jedem anderen tag sicher gestört, doch an diesem einen tag eben nicht :)
    vielen dank für dein feedback, natira, ich werde bei der nächsten geschichte ein bisschen mehr wehr auf die balance zwischen nicht-gesagtem und gesagtem legen... vielleicht war mir die geschichte schon zu nah und ich habe meine leser vergessen, das ist durchaus möglich.

    liebe donna,
    dir möchte ich auch sehr für dein liebes feedback danken. ich freue mich, dass dir die geschichte so gefällt und ich freue mich auch schon darauf viele weitere geschichten zu schreiben, die durch dich initiiert werden :)
    ob ich sie nach wie vor hier veröffentliche oder in einer anderen form, einem anderen blog wird sich zeigen - im moment tendiere ich zu einem wechsel...

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